Lillifees Verlängerung der Ewigkeit

20Mrz10

„Hallo?“
Ich sah über den Monitor hinweg zur Tür. Da stand sie im Türrahmen, Anna-Lena, die blondgezopfte Tochter meines Chefs und wartete auf eine angemessene Reaktion meinerseits.

„Hallo Anna-Mirl“, erwiderte ich höflich und legte meinen Kugelschreiber weg, „wie gehts?“. Sie hasste es, wenn ich sie so nannte.
„Mhm“. Anna verlagerte ihr Gewicht von einem Bein aufs andere und rieb sich die Handflächen an ihrem Cordrock. „Anna-Lena, heiß ich.“
„Na dann“, lächelte ich sie milde an.

Die fünfjährige Anna-Lena – hübsch, blond, neugierig und von allen anderen in ihrer Umgebung hofiert wie der Thronfolger Schwedens – ist mir aufgrund ihrer permanenten Lautstärke eher unsympathisch. Von allen Kollegen bekommt Anna pausenlose Aufmerksamkeit und Komplimente ob ihres raschen Verstandes und ihrer puppenhaften Schönheit. Die sie und ihre Durchlaucht, der Geschäftsführer, sehr gern haben. In aller Bescheidenheit.
Von mir bekommt sie garnichts; den Bogen den sie um mich macht, würde ich gern vergolden, aber es war ja klar, dass sie irgendwann doch bei mir landen würde.

„Du sollst du auf mich aufpassen, sagt Papa“, erklärte das kleine Ding und zupfte wie zum Beweis an den Quasten ihres rosa Pullovers, „weil Tomaz und Manu nicht da sind.“
Grund Gütiger.

Mir eine Abneigung gegenüber Kindern zu attestieren ginge zu weit. Es ist eher Gleichgültigkeit und Desinteresse und die daraus resultierende  Unsicherheit im Umgang mit dem Nachwuchs. Wenn schon Abneigung, dann gilt das eher dem permanenten Weh und Ach verzückter Erwachsener, die sämtliche Umgangsformen vergessen, wenn ein Kind den Raum betritt. „Ich muss arbeiten. Hol dir doch einen Saft und setz dich auf das Sofa“, schlug ich ihr vor und überlegte, ob ich diesem Papa später in den Arsch treten sollte.
„Nö, geht schon.“ Sie bohrte in der Nase.
„Gut.“
Anna stand noch eine Weile wortlos im Türrahmen, während ich mich wieder meiner Tastatur widmete.
Klatsch. Ich sah auf. Sie drehte sich von links nach rechts, schlackerte mit den Armen.
Du bist garnicht da!
Zusätzlich begann sie bei jedem Linksdrall mit der flachen Hand an die offen stehende Tür zu schlagen; sie forderte nun nachdrücklich meine Aufmerksamkeit.
„Du musst da nicht so herumstehen.“

Ich deutete nochmals auf die Sitzgruppe im Eingangsbereich. Anna hielt in ihrem Tänzchen inne und schüttelte den Kopf. „Nö, hab keine Lust! Was machstn Du da?“
Mir wurde warm im Bauch.

„Das zu erklären würde Stunden dauern.“
„Mach mir gaaaarnix“, erklärt sie und schon hüpfte sie wie angeknipst auf einem Bein schnurstracks auf meinen Schreibtisch zu. Neben mir hielt sie inne, legte mir ihre Hand auf mein Knie. Ich sah sie an, sie sah sich um und entdeckte das, was ich besser weggesperrt hätte. Anna hob wie in Zeitlupe die Hand zum Schreibtisch. Mit spitzem Zeigefinger berührte sie vorsichtig den Steinbuddha, der auf meinem Tisch stand.
„Mein Papa hat ein tolleres Büro“, stellte Anna fest und zog ihre Hand wieder zurück und ich atmete aus, „hier stinkts so nach Parfum.“
Geh weg!

Anna schielte auf meinen Monitor und deutete darauf.
„Ich schreib was, und das kriegt dann dein Papa“, erklärte ich sachlich und rückte die kleine Jadefigur vom Rand weg in die Mitte des Tisches, strich ihm schnell über den Jadebauch. Gib mir Ruhe und Gelassenheit, fetter Mann!
„Und waaas schreibst du da?“, sie rollte mit den Augen, als sei ich die fünf Jahre alte Nervensäge.
Ich sah auf den Monitor und überlegte kurz, ob ich Anna loswerden könnte, wenn ich ihr einen Vortrag über Projektkalkulationen zum Thema IP-TV halten würde.
„Eine Geschichte. Die kann dir dein Papa dann heute Abend vorlesen, wenn er mag“.
„Das brauchst du nicht, Mama kennt viele tolle Geschichten. Mit Prinzessinnen“, erklärte Anna wegwerfend, „Papa sagt, du sollst dich ein bisschen um mich kümmern, hat er gesagt. Wir können Prinzessin spielen. Magst du Prinzessin Lillifee?“
„Die kenne ich nicht mal, dein Papa ist echt witzig. Setz dich jetzt da hin! Ich hol dir einen Saft und dann drucke ich dir ein paar Bilder aus, die kannst du ausmalen.“

Ich drückte mich vom Schreibtisch weg und schob die Kleine an der Schulter um den Tisch, bedeutete ihr sich auf den freien Stuhl mir gegenüber zu setzen. Als ich mit Saft und Keksen in mein Büro zurück kehrte, hörte ich die
Kleine summen und sah, wie sie sich im Bürosessel im Kreis herumdrehte; ihre Beine schlenkerten bei jeder Drehung gefährlich nahe an der Glastüre vorbei. Ein Blutbad könnte den Alptraum beenden.

„Vorsicht!“ raunzte ich sie an, stellte ihr Glas und Teller hin und setzte mich wieder, „Ich such jetzt die Bilder und dann arbeiten wir beide was für unser Geld“.
„Uäääh.“ Anna zog ein Gesicht, als müsste sie in Spulwürmern baden und schob den Orangensaft weit von sich. „Orangen sind sauer, bei Oma bekomme ich immer Traubensaft. Hast Du Traubensaft?“
„Nein, hab ich nicht. Dann wirst du wohl verdursten müssen. Tja“.
Ihre Schnute war herzerweichend. Raffiniertes Ding. In Google tippte ich das Wort ‚Lillifee‘ ein und druckte einige Malbilder dieser rosa Heimsuchung aus.
Anna-Lena sah sich kurz darauf mit geschultem Prinzessinnen-Kennerblick die Bilder an.
„Hast du noch andere?“
Mit gefrorenem Lächeln wiederholte ich die Google-Prozedur mit anderen Schlagworten, druckte etwa zehn weitere Blätter aus und reichte sie der Fünfjährigen.

„Das ist nicht Prinzessin Lillifee“, gab Anna augenblicklich bekannt, „und das auch nicht.“ Mit konzentriertem Gesicht drehte und wendete sie die Papiere, sortierte beinahe alle aus und patschte mit ihrer kleinen Hand auf den dünnen Stapel Papier. So einfach war das.
„Jetzt aber. Prinzessin ist Prinzessin. Hier sind Stifte.“
Ich schob Anna eine Hand voll verschiedener Stifte über den Tisch und nickte ihr verkrampft zu.
„Hey, ich brauch doch rooo-saaa“. Anna schüttelte den Kopf, dass ihre Zöpfe flogen.
Ja, wie blöd war ich eigentlich?

„Rosa gibts nicht, und jetzt mal einfach!“
„Lillifee in rot geht aber nicht!“ Anna legte den Kopf zur Seite und sah mich verzweifelt an.
„Sei kreativ, lass dir was einfallen!“
Anna seufzte unendlich laut und traurig, dann wurde es still im Zimmer. Ich hoffte auf die Macht der Farben. Das leise Kratzen der Stabilo-Stifte auf den Haaren einer Papierprinzessin war zwar nervtötend, aber besser als das Geplapper.
„Fertig.“
„WAS? Nach zehn Sekunden? Mal noch eins aus!“, rief ich entsetzt.
„Nö. Das ist langweilig.“

Anna schob höchst professionell die Unterlippe vor und zog die Augenbrauen zusammen. Sie schob die Blätter auf einen Haufen, den Haufen dann weit weg von sich, soweit ihre Arme reichten. Das Glas mit dem Orangensaft wanderte auch gefährlich nahe in Richtung Tischrand. Anna kniete sich auf den Bürostuhl, stützte ihre Ellbogen auf den Tisch und
sah mich prüfend an.

„Hast du Kinder?“
„Spin.. Nein!“
„Warum nicht?“
„Ich hab Haustiere.“
„Toll. Auch ein Pferd?“
„Katzen.“
„Ich mag Katzen nicht. Die kratzen und stinken.“
„Katzen stinken nicht und meine kratzen nur vorlaute Kinder.“
„Doch, die stinken wohl.“ Anna winkte ab. Was wusste ich denn schon? Ich kannte ja nicht mal Lillifee. Es entstand eine kurze Pause. Ich dachte daran Mike anzurufen, damit er mich von seiner Prinzessin befreite. Die starrte mich gerade neugierig an, ich spürte deutlich, dass sie noch nicht fertig war mit mir.

„Magst du Kinder?“
„Ob ich sie mag oder ob ich welche möchte?“
„Versteh ich nich‘.“
Zeit für eine Lüge: „Vielleicht irgendwann mal.“
„Aha.“
Anna begann mit dem roten Stift auf den Tisch zu klopfen. Tocktock. Fordernd, provozierend.
„Du bist schon so alt. Mama sagt, dass man nicht alt sein darf, wenn man Kinder kriegt.“
„Brauchst du eigentlich keinen Mittagsschlaf oder so?“
„Ich bin doch kein Baby mehr. Bist du verheiratet? Mit einem Mann?“
„Fast.“
„Bald?“
„Nein, ich bin nicht verheiratet. Hab einen Freund.“
„Warum mag der dich nicht heiraten?“
Ich sah auf.
„Vielleicht mag ja ICH nicht heiraten!“ schnauzte ich Anna an.
Dieses Kind ist Luzifer.

„Wenn du dich mal hübsch machst, vielleicht heiratet er dich ja dann?“
Mein Mund klappte zu.
„Meine Mama, die ist verheiratet“, plapperte sie weiter, während ich mich von ihrer letzten Aussage erholte und überlegte, ob ich sie an ihren blonden Haaren in meinen Ficus knüpfen sollte.
Rhythmisch klopfte sie weiter mit dem Stift auf die Tischplatte. Das Gör ist psychologisch geschult.
„Aber Mama ist ja auch voll hübsch. Und nett. Sooo hübsch“, sie breitete die Arme aus und zeigte mir wie hübsch.
„Wie Lillifee vermutlich“ Ich räusperte mich und wartete auf die Rückkehr meiner Souveränität.

Wenn ich mich mal hübsch mache…

Wie könnte ich die Kleine loswerden, ohne sie zum Heulen zu bringen? Scheiß drauf. Heult sie eben.
„Hat dein Papa gesagt, wie lang du hier bleiben musst?“
„Warum?“
„Nur so.“
In der Sekunde klingelte mein Telefon, das Geräusch riss mich beinahe von meinem Stuhl. Ich nahm hektisch den Hörer ab: „Mike hier. Ist Anna bei dir?“
„Ohja, meine Güte, Gott sei dank. Ich wollte dich auch gerade …“.
„Super. Ich bin jetzt etwa zwei Stunden in der Redaktionsbesprechung, ist
doch kein Problem oder? Übrigens: sie liebt Lillifee, dieses rosa
Prinzessinnending. So hältst du sie bei Laune.“

Hilflos sah ich zu Anna, die gerade zum zweiten Mal nach meinem Buddha griff und ihn mit meinem roten Stift bedrohte.

Noch eine Stunde und … 59 Minuten.

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